Sep 262010
 

Gestern hat sich still und heimlich quasi über Nacht eine schwarze Wolke vor die Sonne meines letzten Posts geschoben und hinterhältig einen großen Regenschauer gestartet. Eigentlich war der Tag ja ganz toll, wir haben meiner (ungebundenen) Schwester beim Umzug in eine wunderschöne Wohnung (im Zentrum einer Großstadt) geholfen, die sie komplett neu (ohne Rücksicht auf Kinder) einrichtet, um dort ihre zwar nicht üppige, aber (Freizeit)  zu verbringen, wenn sie gerade nicht (ungestört) arbeiten muss oder (spontan) irgendwo anders hingeht. Wenn man jetzt den Inhalt der Klammern aneinanderreiht, entsteht in mir ein tiefes Gefühl der Sehnsucht.

Tatsächlich verläuft mein Leben anders, als ich mir das in meiner Schulzeit zusammengereimt habe: ich war mir ganz sicher, dass ich niemals heiraten, mein Leben lang von einem Ort zum anderen tingeln, ständig neue Menschen kennenlernen und immer mal wieder den Arbeitsplatz wechseln würde – wobei ich das nicht unbedingt als ausschließlich positiv empfand. Jetzt habe ich einen Mann, drei Kinder, ein Haus und bin selbständig – und sehe das absolut nicht negativ. Aber es gibt eben bei beiden Optionen sowohl Vor- als auch Nachteile und dummerweise vermisse ich aufgrund des gestrigen Tages gerade immens die Vorzüge des ausgeschlagenen Lebensweges (wann habe ich das letzte Mal ein Buch dann gelesen, wenn ich gerade Lust dazu hatte?),  was uns zum Thema bringt: Ist der Alltag wirklich ein Wurmloch, das in seinem Anfang endet? Beschert uns jeder Weg, den wir einschlagen, einen geschlossenen Knopf mehr am selbst geschneiderten Korsett? Oder ist jeder Lebensabschnitt eher so etwas wie ein Tunnel: man muss erst einmal durch, kann dann aber wieder jede beliebige Richtung einschlagen?

Ich glaube (langsam finde ich wieder zum Optimismus), letzteres kommt der Wahrheit am nächsten: es gibt immer wieder Punkte, an denen ein Kurswechsel möglich ist – wenn auch vielleicht nicht in vollem Umfang oder nur über ein paar Umleitungen. Man muss eben bis zu den Tunnelenden warten, wenn man nicht unnötig und mühsam ziemlich stabile Mauern einreißen möchte.
Also alles halb so schlimm, Bücher werden nicht schlecht (es sei denn, sie waren es bereits vorher) und die Kinder sind schneller groß, als man denkt. In 15 Jahren ziehe ich dann nächtelang um die Häuser – mit künstlicher Hüfte, Krückstock und Gebiss…

Ähnliche Ergüsse:

  One Response to “Wurmloch”

  1. […] schreibe nämlich wie: Ildiko von Kürthy: Wurmloch Melinda Nadj Abonji: Hirnversagen Friedrich Nietzsche: Was kommt dann? Georg Trakl: Winternacht […]

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